Zu den Raumplastiken von Dorine Crass
Die Berliner Künstlerin Dorine Crass orientiert sich an Strukturen, wie sie in der Natur gegeben sind. Ihre Arbeiten erscheinen biomorph; sie erinnern an Mikroorganismen, an Wassertiere oder an Embryos. Meist handelt es sich um Formen, denen man die Entlehnung aus der Natur entnehmen kann, die jedoch nicht auf spezifische Organismen verweisen. Aus dünnen Kupferdrähten und bei größeren Arbeiten aus festerem Maschendraht entwickelt die Künstlerin zunächst Trägerkonstruktionen. In einem zweiten Schritt ummantelt sie diese Gerüste mit weißem oder farbigem Papier. Dabei verwendet sie ausschließlich durchscheinend dünnes Papier wie Verpackungs- oder Rosenseide. Es entstehen so leichte und fragile Arbeiten sehr unterschiedlicher Größe, die Dorine Crass seitlich von einer Wand in den Raum wachsen lässt oder frei schwebend an der Decke eines Raumes anbringt.
Hängende Raumplastiken gibt es in der Kunst seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. KünstlerInnen wie Alexander Rodschenko, Katarzyna Kobro oder Alexander Calder haben ihre räumlichen Konstruktionen bereits in den 20er bzw. 30er Jahren an Decken befestigt und frei im Raum schweben lassen. Dabei ging es ihnen um die Aufhebung der Schwerkraft, um das Ausloten des Raumes oder, wie bei Calder, um die die Vorstellung eines bewegten Universums.
Wenn für Dorine Crass das Moment des Schwebens eine wichtige Rolle spielt, so orientiert sie sich doch nicht an kunsthistorischen Vorläufern oder aktuellen Strömungen in der Kunst. Abstrakt-philosophische Vorstellungen wie beispielsweise das avantgardistische Raumkonzept Rodschenkos bleiben ihr ebenso fremd wie die theoriebezogenen Diskurse zur zeitgenössischen Kunst. Ihr Ausgangspunkt ist sehr konkret die Natur, der sie nicht nur mit Respekt, sondern auch mit einem naturwissenschaftlich geprägten Interesse begegnet. Gemeinsam ist allen Arbeiten von Dorine Crass eine Fragilität, die die Künstlerin auch als Verweis auf die Verletzbarkeit der Natur versteht. Schwebend erscheinen ihre Arbeiten noch fragiler, sind sie doch dem Wind oder dem Luftzug in einem Raum ausgesetzt. Dorine Crass betrachtet die Natur als gefährdet und verknüpft mit ihren Arbeiten nach eigenen Aussagen die Frage, ob wir Menschen uns der Verantwortung gegenüber der Natur bewusst sind.
Der künstlerische Prozess ist für die Künstlerin ein spielerischer Umgang mit dem Material. Als Vorstufen ihrer Raumplastiken fertigt Dorine Crass Zeichnungen nach der Natur an, die ihr allerdings nur als Ausgangspunkte dienen und von denen sie sich im weiteren Verlauf der Arbeit löst. Sie beginnt den Kupferdraht zu biegen, ohne dass die Form als Ganzes zuvor angelegt wäre. So wächst die Form analog zum Wachsen in der Natur.
Als künstlerische Verfremdung von Natur sind die Raumplastiken von Dorine Crass in starkem Maße abhängig vom Raum, in dem sie präsentiert werden. Zeigt man sie in einer natürlichen Umgebung wie in einem Palmengarten, so entsteht eine ambivalente Wirkung: Als künstlerische Artefakte sind sie ihrer Umgebung fremd; gleichzeitig jedoch gehen sie durch ihre biomorphe Wirkung eine Synthese mit dem Naturraum ein.
Dr. Claudia Beelitz,
Kunsthistorikerin